Erklärung zum Automatik -Getriebe 722.3xx W4A 040

Es ist fast unmöglich, jemandem ohne Vorkenntnisse den Aufbau, die Funktion, die Diagnose und die Instandsetzungsarbeiten am Getriebe nahe zu bringen. Das ist so ähnlich, als wollte ein Chirurg einem Flugzeugkapitän in zwei Minuten per Funk erklären, wie dieser eine Herztransplantation im do-it-yourself-Verfahren vornehmen kann.
Dennoch ein Versuch : Zunächst ist zu unterscheiden zwischen dem mechanischen und dem hydraulischen Teil.
Der mechanische Teil besteht aus einem Planetengetriebe in Zweigruppen-Bauweise. Zweigruppenbauweise deshalb, weil ein vorderer, sogenannter Ravigneaux-Planetensatz mit einem hinteren, einfachen Planetensatz kombiniert ist.

Ein einfacher Planetensatz besteht aus einem Sonnenrad, den Planetenrädern, dem Planetenradträger und einem Hohlrad. Das Sonnenrad ist ein Zahnrad mit Außenverzahnung und bildet die Mitte des Planetenradsatzes. Um das Sonnenrad herum sind im Abstand von 120 Winkelgraden drei Planetenräder angeordnet. Die Planetenräder sind ebenfalls außenverzahnt und können auf dem Sonnenrad ablaufen. Der Planetenradträger verbindet die drei Planetenräder miteinander, so dass diese nur gemeinsam in fester Formation um das Zentrum kreisen können.

Die Planetenräder sind dazu auf dem Planetenradträger drehbar gelagert.  Das Hohlrad ist eine Art Ring mit einer Innenverzahnung, auf der die Planetenräder ebenfalls ablaufen. Die Planetenräder greifen also gleichzeitig in die Verzahnung des Sonnenrades und in die Verzahnung des Hohlrades ein.

Zusammengefasst: außen ein Ring mit einer Verzahnung auf der Innenseite, ganz in der Mitte ein gewöhnliches Zahnrad, dazwischen drei Zahnräder. Das ganze ist etwas kleiner als eine Keksdose.

 

Ein Ravigneaux-Planetensatz ist im Prinzip ein aus zwei einfachen Planetensätzen zusammengesetztes Planetengetriebe. Das „ravignierte“ daran ist, dass man mit einem gemeinsamen Hohlrad und einem gemeinsamen Planetenträger auskommt. Das spart in erster Linie Bauraum, aber auch Gewicht und Kosten.

Damit ein Planetensatz ein Drehmoment (die „Kraft“ des Motors auf die Hinterachse) übertragen kann, muss entweder das Hohlrad, der Planetenradträger oder das Sonnenrad gegen das Getriebegehäuse abgestützt werden. Dazu wird eine Bremse in Form eines Bremsbandes oder einer Lamellenbremse betätigt. Ein Bremsband muss nur mit geringem Spiel um das Hohlrad herumgelegt werden. Soll das Hohlrad angehalten werden, werden einfach die Enden des Bremsbandes zusammengedrückt, schon wird das Hohlrad bis zum Stillstand abgebremst.
Bei der Lamellenbremse ist der Reibbelag auf ringförmigen Scheiben aufgebracht. Wer früher sein Mofa selbst repariert hat, kennt das Prinzip. Durch das Zusammendrücken von ringförmigen Scheiben, abwechselnd eine mit Außenverzahnung und eine mit Innenverzahnung, kann so ein sich drehendes Teil gebremst und festgehalten werden.
Die schlaue Erfindung Planetensatz ermöglicht eine Reihe interessanter Kombinationen:

    • Relativ große Übersetzung ins Langsame: Hohlrad festgehalten, Sonnenrad treibend, Planetenradträger getrieben
  • Relativ kleine Übersetzung ins Langsame: Sonnenrad festgehalten, Hohlrad treibend, Planetenradträger getrieben
  • Übersetzung ins Langsame mit Drehrichtungsumkehr: Planetenradträger festgehalten, Sonnenrad treibend, Hohlrad getrieben

Da man zur Rückwartsfahrt eine Drehrichtung umkehren muss, könnte ein Einschaltstoß in „R“ also mit der Bremse zu tun haben, welche den Planetenradträger festhalten muss. Könnte nicht nur, es ist so: Die Lamellenbremse B 3, welche im vorderen Planetensatz den Planetenradträger gegen das Getriebegehäuse abstützt, die macht das bei älteren Getriebe nicht mehr so komfortabel wie früher.

Gang ÜbersetzungPlanetensatz vorn = Ravigneaux Planetensatz hinten = einfach Betätigte bzw. wirksame Schaltglieder Übersetz.-verh. i =
  1  Im Planetensatz vorn
und hinten
 Bremsband B2
Freilauf F
  3,68
  2  Im Planetensatz vorn
und hinten
 Bremsband B1
Bremsband B2
  2,41
  3  Im Planetensatz hinten  Kupplung K1
Bremsband B2
  1,44
  4  Keine Übersetzung  Kupplung K1
Kupplung K2
  1
Rückw.  Im Planetensatz vorn
und hinten
 Lamellenbremse   B3
Freilauf F  und K2
  5,14

Schaltglieder, welche betätigt werden können, sind B1, B2, B3, K1 und K2.

Nun komme ich zwischendurch zur Grob-Diagnose:

Wird eine einzelne Schaltung beanstandet, z. B. die Rückschaltung von 4 auf 3, so ist grundsätzlich die Ursache an dem „zugeschalteten“ Schaltglied zu vermuten. Im Beispiel 4-3 wäre also ein Fehler an der B2 zu suchen. Die K1 ist ja bereits betätigt und funktioniert, die K2 wird gelöst, scheidet als Ursache also aus.

Es wurde das Problem geschildert, dass die Schaltung vom 2. in den 3. Gang unter Last nicht ganz kraftschlüssig ist.
Als mögliche Abhilfe sollte ein Federpaket für den Aufnehmer K1 ausgetauscht werden. K1 weil im 3. Gang die K1 und das B2 betätigt ist. Das B2 ist im 2. Gang bereits betätigt und hat dort keine Probleme gemacht. Bei der Schaltung 2-3 wird, siehe oben, nur das B1 gelöst und die K1 betätigt. Das gelöste Schaltglied kann die Ursache nicht sein, also liegt das Problem an der K1.

Es wurde ein Einschaltstoß in „D“ und in „R“ geschildert. Für den Einschaltstoß in „D“ ist das B2, für den in „R“ die LB 3 verantwortlich. Wenn ich bei „D“ sage, „es ist das B2“, ist das etwas irreführend. Das B2 würde bedeuten, dass von allem, was zur Bandbremse B2 gehört, nur das Bremsband in Frage käme.

Das wäre so ähnlich, als würde man bei einer vorn einseitig ziehenden Bremse nur die Bremsklötze in Betracht ziehen und würde dabei die Bremszangen usw. ausschließen. Deshalb kommt nicht nur das Bremsband 2 selbst in Frage, sondern auch alles was dafür sorgt, dass dieses Bremsband betätigt wird.  Das betrifft dann das Thema Hydraulik. Da schreibe ich ein anders Mal etwas darüber.
Ursache der Schaltstöße
Die Schaltstöße sind darauf zurückzuführen, dass sich der Reibwert der Reibbeläge verändert hat. (Bei einer rubbelnden Bremse ist das so ähnlich). Deshalb, wenn in Kombination mit dem genannten Öl keine Besserung erzielt wird, müssen das Bremsband 2, ein geändertes Widerlager B2 und die Außenlamellen der B3 erneuert werden. Dazu muss das Getriebe ausgebaut und zerlegt werden und es ist deshalb nicht billig zu haben.

Quelle: Technik-Lexikon