Eine augenzwinkernde Abhandlung über das Lenkrad des 107er

lenkrad107

Wir lenken den 107 mit einem Ruderrad, denn der Konstrukteur war in seiner Jugend Rudergänger auf der Bismarck, bevor sie versenkt wurde. Ein Vergleich mit einem Bus ist zwar zutreffend, gehört aber in die Abteilung „Oberflächliche Betrachtung eines 107 durch Laien, Unterabteilung Der Schein trügt“.

Das Ergreifen und Betätigen des serienmäßigen Ruders im 107 gehört zu den wenigen besonderen Reizen, die das Leben dem Automobilisten noch bietet. Das kommt vom imaginären Carraciola-Gefühl, das Dich überkommt, wenn Du ordentlich hinlangst. Dazu kommt der Ausblick auf richtige Instrumente, die es bald so aus Stuttgart auch nicht mehr gibt. (Schau W220 oder W203 an und halte die Kotztüte bereit). All das gibst Du auf, wenn Du Deinen M110 an so einem Kindertretautorad erwärmst.

(Wenn Du es nicht lassen kannst, es passen die 201/124 Räder, dann siehst Du den Drehzahlmesser überhaupt nicht mehr, und so manches andere auch nicht.)

Empfehlenswert ist die Überlegung eine Lederwurst – wie nach der letzten MOPF 8.85 – in Dienst zu stellen, die fühlt sich an wie ein junger Maimorgen (Zitat B. Busch), und hat die vollen 420.000 Mirometer Durchmesser. Bedenke, was Du da am Regelrad treibst, ist eine erstaunliche Leistung, die ich im Folgenden im Detail beschrieben habe. Das erfordert adäquates Gerät!


Vom Führen, Lenken, Steuern und Regeln

Was tun wir eigentlich wenn wir unsere Autos bewegen? Gemeint ist hier richtiges fahren, ohne die Bevormundung durch neumodisches ESPs und andere Stücke Weichware, wo andere denken, sie müssten für uns denken, und uns am Ende zu reinen Schlüsseldrehern machen. Im öden Alltag und Stau sicher diskutabel, auf einer Lustreise im 107 eher unerwünscht.

Die Obrigkeit, die wie üblich nichts verstanden hat, redet immer vom Führen, daher auch der Führerschein. Führen tut man gemeinhin Untergebene, was, wie man weiß, regelmäßig Elemente des Verführens enthält. Völlig daneben, hat nichts mit unserem Auto zu tun, es sei denn es ist im Schlepp der Kuh eines hilfreichen Agrariers, der uns aus einem Ausflug in die Botanik hilft, dann muss die Kuh geführt werden. Ein Auto gibt keine Milch und ist folglich auch keine Kuh!. Man kennt daneben bedauernswerte spurgeführte Vehikel, die nie aus ihrer Rille herauskommen (sollten), und unweigerlich da hin müssen wo andere die Spur gelegt haben. Überhaupt nicht unsere Liga, die gelegentliche heimliche Nutzung dieser Einrichtung zum Transport unserer Vehikel an ferne Urlaubsgestade oder zu Jahrestreffen ist streng genommen nicht tolerierbar, aber ohne Sünde keine Vergebung!

Die Autohersteller locken uns mit Lederlenkrädern, daher lenken mache (viele) Leute auch wild herum, die Ergebnisse sind nicht immer überzeugend. Das Lenken sollte man Ausschüssen überlassen, da hat man in der Regel keinen Verantwortlichen. Dazu hat die Bürokratie den Lenkungsauschuss erfunden, der sich dadurch auszeichnet, dass nur nebulöse Ziele existieren. Würden wir nach diesem Prinzip fahren, wären wir durchweg neben der Straße und vorwiegend in die falsche Richtung unterwegs. Drehen am Lenkrad beschreibt den Sachverhalt bei einem ordentlichen engagierten Fahrer also auch nicht.

Jeder kennt das Phänomen „Frau am Steuer“. Schon deswegen ist steuern prinzipiell verdächtig, Frauen sind gut für die Steuerklärung, wenn man sie denn absetzen kann, oder Sie sie tatsächlich erstellen kann. Mit keinem Wort sei hier gesagt, dass Frauen nicht Auto fahren können! Wie man sehen wird, können sie prinzipiell ganz vorzüglich, wenn sie denn wollen (dürfen). Dennoch ist das Steuern eines Fahrzeuges eine technisch durchaus korrekte Bezeichnung für das Geschehen selbiges ohne nennenswerten Zwischenfall von hier nach dort zu bringen. Man denke an einen braven Busfahrer, der hat ein Kochrezept in Form eines Fahrplans und einer ausgeschilderten Route. Unterstützt durch gewisse zweifelhafte Rechte und seine schiere Überlegenheit an Masse und Abgasvolumen arbeitet er sein Rezept ab. Störgrößen, wie Schnee oder Passanten mit kurzen Röckchen führen unweigerlich zum unkontrollierten Zustand, der sich im günstigsten Fall als Verspätung äußert, ungünstiger, fallen Busse in dunkle Schluchten oder tiefe Gewässer. Man erkennt leicht, steuern ist eine eher unexakte Wissenschaft, bar jeder wirklichen Kontrolle und ohne jeden Lustgewinn, es sei denn man begegnet obigen Passanten.

Was zum heiligen Christopherus tun wir denn nun wirklich ? Wir regeln! Ein unerhörter Vorgang, der in seiner Tragweite oft verkannt und noch weniger verstanden wird, denn man kann ihn knochentrocken und trefflich durch höhere Mathematik beschreiben, für Normalfahrer eher abschreckend und überflüssig. Wenn man es nicht geregelt hat, steht in der Zeitung, dass es passierte. Regelmäßig sind dabei bedeutende Missstände und Schlimmeres zu beklagen, schauderhaft! So was ruft die Obrigkeit auf den Plan, die das alte Missverständnis vom führen aufwärmt und mit völlig unbrauchbaren Maßnahmen zwanghaft anbietet die Fähigkeit zu führen zu verbessern. Alles Grund genug uns mit dem göttlichen Vorgang des Regelns näher zu befassen. Wegen der leichten Verdaulichkeit wird es für den Hausgebrauch stark vereinfacht und garantiert kein Differentialgleichungs-Gewürz gereicht – versprochen! (Ehrlicher ist es zu bekennen, dass ich immer einen kannte der die DGL kannte…)


 

Der Regelkreis

Geregelt wird im geschlossenen Regelkreis. Der besteht ganz übersichtlich immer aus den gleichen einfachen Komponenten:

1. Der Regler – verstandbewaffneter Fahrer (mit oder ohne Führerschein)

2. Das Stellglied – die Hand am Lenkrad (eigentlich Regelrad) und damit hoffentlich fest verbunden die Lenkorgane des Autos.

3. Die Regelstrecke – hier nur das Richtungsverhalten (Hochachse) des Autos. Das Gesamtverhalten auf der Strauße (hierauf kommt es letztlich an) kann annähernd nur durch mehrere (mindestens 5 Achsen) einander überlagernder Regelkreise beschrieben werden – viel zu komplex und langweilig für die 107 Klassik.

4. Der Sollwertgeber – der vorgegebene Streckenverlauf mit dem Reiseziel, der Absicht mehr oder weniger Gummi zu verballern und die GTIs standesgemäß abzubügeln, und – selten verzichtbar – den Anregungen des angenehmen Beifahrers, oder besser der Beifahrerin.

5. Dem Istwertgeber – Die Sinne des Fahrers (Reglers). Hier vorwiegend die Augen, sie melden die Kursabweichung (Istwert), wenn nicht durch knusprige Passantinnen (Störgrößen) abgelenkt. Gelegentlich auch das Popometer (im Schnee oder auf der Rennstrecke). Merke, wenn die Ohren heftige Istwerte melden, hat man es meist schlecht geregelt und Fremdkörper aufgespießt!

Das planvolle Zusammenwirken dieser Komponenten im geschlossenen Regelkreis macht den guten Fahrer aus. Ein geschlossener Regelkreis ist dadurch gekennzeichnet, dass die Aktionen des Reglers früher oder später (möglichst umgehende) Folgen haben, die sich als Änderung des Istwertes darstellen. Im Idealzustand entspricht der von der Regelstrecke rückgemeldete Istwert dem Sollwert – die Regelabweichung ist null! Der Regler funktioniert dann perfekt.

Ein einfaches Beispiel ist die gemeine Kurvenfahrt ohne quietschendes Gummi. Der zunächst ohne Aktionen an seinem Stellglied fahrende Regler nimmt wahr, dass sein Auto dem Sollwert Kurve nicht folgt, weil der Istwert (Abstand zum Straßenrand) bedrohlich klein wird. Spätestens wenn diese Regelabweichung für eine saftige Werkstattrechnung ausreicht, wird er eingreifen und mit seinem Stellglied am Regelrad drehen um diese Regelabweichung auszuregeln. Wenn nicht, ist er blind, besoffen oder abgelenkt, man spricht technisch vom offenen Regelkreis. Nur bei Behörden und im deutschen Gesundheitswesen existieren permanent offene Regelkreise. Sollwerte stehen da nur in der Zeitung, und jegliches Gefummel mit dem Stellglied bleibt für die Regler in den Istwerten ihres Einkommens folgenlos. Wer so (open loop) Auto fahren würde, verdient sofort lebenslanges Fahrverbot. Völlig unbewusst hat der (gute) Regler dabei den Sollwert gerade so groß wie nötig eingestellt, andernfalls würde es schlingern (übersteuern) oder schieben (untersteuern). Wenn er eine ausgelutschte Lenkung mit viel Spiel hat, hat er sogar die resultierende Totzeit (von allen Reglern bestgehasst) durch entsprechend früheres drehen am Regelrad überlistet, alles automatisch und ohne Diskussion.

Ein 107 sollte immer (!) im geschlossenen Regelkreis bewegt werden, denn wer ungeregelt mit dem Stellglied hantiert, wird zunächst durch alarmierende Istwerte gewarnt, fallweise auch mit Crash bestraft. Das tut man seinem 107 nicht an. Es ist lohnend eine solche Regelung im Detail zu studieren, man entwickelt Respekt vor mancher fahrerischen Leistung und kann sein Verhalten in Richtung mehr Lustgewinn und Effizienz tunen.

Betrachten wir wieder die Kurvenfahrt, diesmal mit ordentlich quietschenden Reifen und einer zeternden Beifahrerin. Der Regler hat zunächst den Istwert (schnelle Änderung der Kursabweichung) richtig erkannt und mit seinem Stellglied die Fuhre angestellt. Die Regelstrecke jedoch, hat nur begrenzte Möglichkeiten dem Sollwert zu folgen, denn sie hat es mit der Haftgrenze des Reifens zu tun. Ein ordentlicher Reifen meldet nun den fatalen Istwert (Straßenrand kommt schnell näher) durch lautes Gequietsche, das vom Beifahrer in der Regel sogleich verstärkt wird. Der ausgeschlafene Regler wird nun seine Sollwerte anpassen und weitere Stellglieder bemühen, um seine Fuhre auf Kurs zu halten, indem er die Sache mit der Reibung regelt. Er hat dazu einen weiteren Regelkreis in Längsrichtung, der mit den Stellglied Rechter Fuß bedient wird – besser bekannt als Gas und Bremse. Auch hier ist wieder feines Zusammenspiel und ausbalancieren von Soll (maximale Kurvengeschwindigkeit) und Istwert verlangt. In der Lernphase parkt man die Beifahrerin zweckmäßig in einem schattigen Café und geht die Kurve noch mal beherzt an. Wenn man es gut regelt, kann man es so regeln, dass die Fliegen an der Seitenscheibe kleben, so einfach ist das.

Was tut der Regler (man) nun wirklich? Er adaptiert, d.h. er folgt nicht den unveränderlichen Programm in der Steuerung des Busfahrers und versenkt die chaise im Abgrund, sondern moduliert mit seinen Stellgliedern (Lenkeinschlag, Gas, Bremse) den Sollwert (Kurs) so, dass der Reifen gerade noch eine Chance hat ausreichend Seitenführung (Regelstrecke) aufzubauen. Sehr ähnliche Vorgänge laufen zwischen unsere Ohren ab, wenn wir versuchen mit dem passenden Vorhaltewinkel auf ein bewegliches Ziel zu schießen. (Hier ist im übrigen der lange gesuchte Beweis: es ist kriminaltechnisch nachgewiesen, dass Frauen schießen können und es gelegentlich auch tun, also können sie Auto fahren!) Es ist unsere Adaptionsfähigkeit als Regler, in trefflichen Autos mit (und ohne) Stern, die kaum Totzeiten aufweisend, die die erstaunliche Leistung eines crashfreien Fahrers ermöglicht. Versuchen Sie mal das beim Spagetti kochen nachzubilden, wegen der enormen Totzeiten im Wasser und der (elektrischen) Energiequelle, kämpfen Sie ständig mit überkochen oder unmäßigem al dente…! Wenn unsere Autos nur halb so widerspenstig wie bestimmte Teigwaren wären, kaufte kein Mensch Versicherungsaktien.

KJE