HighTech oder Über die Entmündigung des Fahrers

Das „Rollout“ des neuen SL (R 230) als Nachfolger des aktuellen R 129 rückt mit dem Jahreswechsel in zeitlich greifbare Nähe. Längst geistern zahlreiche Berichte, computerüberarbeitete Abbildungen und Erlkönig-Schnappschüsse durch die Fachpresse und lassen die endgültige Form und Funktion vor unseren erwartungsvollen Augen allmählich lebendig werden. Gleichzeitig entschwindet die monetäre Erreichbarkeit des „Kulturgutes SL-Fahren“ für viele Interessenten ein gutes Stück weiter in die Stratosphäre der „finanziell Unabhängigen“.Natürlich wird auch in Clubkreisen schon heftig diskutiert, was von dem neuen Silberpfeil, der kometenhaft am „Sternen“-Himmel aufsteigt und soeben das „Stargate“ von der Zukunft in die Gegenwart passiert, zu halten ist. So sind auch in unserer Mailingliste zu Technik und Formensprache dieser Neuerscheinung (mit erstaunlich kurz projektiertem Modellzyklus – nur 8 Jahre!) schon kontroverse Worte gewechselt worden. Darunter auch folgende, durchaus provokanten und überaus subjektiven Gedanken als Reaktion auf vorausgegangene Kritik einerseits und Euphorie andererseits.

Empfinden Sie, liebe Leserinnen und Leser vielleicht sogar ähnlich?

„Ohne Zweifel ist das, was da mit der kommenden SL-Generation von DaimlerChrysler geboten wird, HighTech vom Allerfeinsten und in vieler Hinsicht richtungweisend. Nun ist ein derart ausgestattetes Fahrzeug für berufliche (und private) Vielfahrer sicherlich eine große Entlastung und ein ideales „Werkzeug“. Für Technik-Freaks eröffnet sich dagegen eine herrliche „Spielwiese“ mit freilich durchaus ernsten und nützlichen Inhalten. Es ist in der Tat schon sehr beeindruckend, was da so an Innovationen marktreif wird.

Damit stellt sich aber auch zunehmend die Frage, ob wir das alles auch beim „Genussfahren“ wirklich haben wollen, wenn das erste Interesse an den HighTech-Features mal der Gewohnheit gewichen ist. Möchten wir wirklich, dass uns Mikroprozessoren alle möglichen Entscheidungen abnehmen und über eine hochkomplexe Regelungstechnik weitgehendst selbständig umsetzen?

Das Auto fängt zunehmend an, für uns zu denken. Es gibt nur soviel Gas, wie es je nach Wegbeschaffenheit selbst für richtig hält, obwohl seine „Beobachtungsgabe“ mit unserer eigenen doch sicher längst nicht mithalten kann. Es entscheidet durch eine Analyse des Pedaldrucks, ob eine Vollbremsung eingeleitet wird, oder nicht. Vielleicht möchte aber jemand nur gerade genau so bremsen, wie er / sie eben gerade drauf tritt – ohne Interpretation durch das Auto! Es gestattet uns nur auf Knopfdruck, uns in den Grenzbereich zu begeben und regelt den Abstand und das Tempo, ja berechnet künftig sogar mögliche Unfallrisiken im aktiven Fahrbetrieb voraus. Es schaltet die Scheibenwischer ein, ohne abzuwarten, wie groß wir die Tropfen auf der Scheibe haben möchten. Die Rückspiegel werden automatisch abgeblendet, nur weil ich gerade mit meinem jugendlichen, strahlend hellen Teint hineinblicke.

Eines nicht allzu fernen Tages werden viele dieser „Errungenschaften“ vermutlich nicht mehr abschaltbar sein. Ist das dann tatsächlich die von uns heiß ersehnte Zukunft der „automobilen“ Fortbewegung? Der Unterschied zum öffentlichen Verkehrsmittel besteht dann doch nur noch in der individuellen Ausgestaltung der Blechhülle und der flexiblen Zielwahl. Das mag ja für stressige Geschäftsreisen vielleicht sogar durchaus „angesagt“ sein.

Aber möchte man – wenn man sich einen hochkarätigen „Sportwagen“ zulegt – nicht genau solchen Zwängen entfliehen? Die Fesseln der Fremdbestimmtheit, der wir im Alltag allzu oft unterworfen sind, ablegen? Will man nicht die Kraft des Wagens, die Dynamik der Fortbewegung und die damit verbundenen Sinneseindrücke so unmittelbar wie möglich erleben? Die Regelung der Fahrzustände mit Freude und Engagement selbst in die Hand nehmen, seine Erfahrungen machen und daraus lernen? Möchte man, wenn man den „Gran Tourismo“ besteigt, nicht Zurückhaltung und Vernunft für ein paar Stündchen mitsamt dem Jackett und der Krawatte hinter den Sitz werfen und mal wieder richtig die Fahrerärmel hochkrempeln?

Wenn man jedoch trotz solcher Vorgaben auf ein gewisses Maß an Komfort, Zuverlässigkeit, Sicherheit, Ästhetik und klassische Eleganz im Auftritt nicht vollends verzichten möchte, landet man meiner Meinung nach doch fast zwangsläufig beim 107er Reihe von Mercedes Benz. Oder sehen Sie das anders? Wenn ich die Haube meines schon etwas verwitterten Viereinhalbliter-Gleiters öffne (was bei bestimmten Modellen leider schon gar nicht mehr geht!), sehe ich ein unverhülltes Denkmal des Maschinenbaus, dessen unverwechselbare „Lebensäußerungen“ ich nur allzu deutlich wahrnehmen und genießen kann. Gerne gönne ich ihm dafür auch die „Lebensmittel“, die er braucht, um seinen markanten Charakter zu entfalten: Einen ordentlichen Schluck „Kir Royal“ aus dem Tankschlauch, ein paar zusätzliche Tropfen kaltgepresstes „Olio Extravergine“ in die Wanne und in meinem speziellen Fall noch einen Satz erweiterte „Edelstahl-Bronchien“ für einen gesunden Bass in der Stimme.

Seit nun schon sechs Jahren treibe ich meinen längst volljährigen „Begleiter für gewisse Stunden“ (freilich ohne homophile Neigungen) über die Landstraßen und habe dabei eine Menge über ihn gelernt. Ich kenne seine Eigenheiten mittlerweile recht genau, so dass ich zum Beispiel seine typischen Lastwechselreaktionen nicht selten mit viel Vergnügen gezielt zum Mitlenken verwende. Es bereitet mir eine kindliche Freude, das Dach von Hand zu öffnen, dabei das Material zu berühren und die Wirkung der Mechanik zu spüren. Ich weiß auch, dass meine simple Hydraulik-Bremse bei starker Beanspruchung etwas nach rechts zieht und dass ich diesen Effekt mit Gefühl korrigieren muss. Ich weiß, dass ich, wenn ich eine Kurve anbremse und gleichzeitig von Hand herunterschalte, die Bremse kurz lupfen muss, um das „Achterdeck“ dieses Dickschiffs im Zaum zu halten. Die in der Mittellage unpräzise Kugelumlauflenkung erinnert den „Rudergänger“ auf allen Straßen stets daran, dass er nicht vor einem Computerspiel, sondern hinter einem soliden, archaischen Lenkmechanismus sitzt.

Der Umgang mit solch einem angejahrten Fahrzeug fordert im Vergleich zu den moderneren Erzeugnissen eine deutlich höhere Aufmerksamkeit und Präsenz des Fahrers. Selbst wenn man beschaulich dahingleitet, ist stets etwas Restrisiko mit im Spiel (no risk – no fun!). Aber warum soll ich diese äußerst reizvollen Lern- und Er“fahr“ungs-Prozesse an einen seelenlosen Silikon-Chip abtreten und mich nur noch auf die Ausgabe rudimentärer Fahrbefehle reduzieren lassen? Fehlt nur noch, dass mir eine zarte Frauenstimme aus dem Bordcomputer zuflüstert „Schwerer Ausnahmefehler im Antriebs-Sektor. Bitte verständigen Sie Ihren Systemadministrator!“, wenn ich mal ein „Kennfeld-Update“ verpennt, oder ein „Service Pack“ übersprungen haben sollte. Das ist eigentlich nicht wirklich das, was ich mir unter „Autofahren“ vorstelle.

Ob ich mir – gelangweilt auf dem Sofa liegend – einen Bergfilm ansehe, oder einen Berg unter vollem Einsatz von Körper und Geist erklettere: Das Gipfelpanorama kann ich wahrscheinlich in beiden Fällen bewundern. Das Erlebnis ist jedoch ein völlig anderes! (Sorry, beinahe hätte ich einen Erotikfilm als Beispiel gewählt…)

So gesehen würde ich sagen: Gebt die Computer-Autos den Profi-Chauffeuren und den geschäftsreisenden Selbstfahrern und die 107er Coupes und Roadster (besser gesagt: „Spider“) den Gentleman-Drivers, selbst wenn es sich um die selben Personen handeln sollte, die sich am Wochenende von Dr. Jekyll in Mr. Hyde verwandeln. Sehen wir es auch ruhig als unseren „Job“ an, im Sinne der Clubaktivitäten der Nachwelt noch ein paar echte Vollblut-Automobile und das damit verbundene besondere Lebensgefühl zu konservieren, damit die desensibilisierten Automobilisten der Zukunft in ein paar Jahrzehnten noch erahnen können, was für ein intensives und sinnliches Erlebnis das Autofahren einmal war.

Autos, wie der durchaus erstaunliche R 230, werden – nachdem die „Aaahs“ und „Ooohs“ bei den internationalen Automobilmessen längst verstummt sind – sicherlich die Sehnsucht nach dem unmittelbaren Fahrgefühl nähren und damit den Wert von Autos, wie unseren 107ern, auf eine neue Ebene stellen.

„Freuen wir uns darauf!“