Es war eines dieser Wochenenden, an denen man den SL einfach nicht unangetastet in der Garage schmoren lässt, wenn man auch nur einen einzigen Tropfen Benzin im Blut hat. Obwohl morgens in München noch dichte Nebelschwaden waberten, war die Landschaft nur wenige Kilometer weiter südlich bereits in warmes Sonnenlicht getaucht. Meinem Sohn Florian schuldete ich noch eine ordentliche Ausfahrt

 Da gibt es keinen Dispens: SL-Schulden sind Ehrenschulden und müssen unter allen Umständen beglichen werden. Also: Hinaus in die Welt mit Gebrüll!

In Wallgau flog das Verdeck auf und die Berge präsentierten sich in der klaren Luft in atemberaubender Schönheit. In gestrecktem Galopp erreichten wir über den Zirler Berg das Inntal. Von der anderen Seite rief bereits das Kühtai herüber, das mal wieder einen richtigen, eleganten, klassischen Tourensportwagen auf seinen alpinen Höhen begrüßen wollte.

Vorsicht war angesagt beim beschwingten Kurvenfahren, da bereits ordentlich Herbstlaub in schattigen, feuchten Kurven auf der Lauer lag, um dem Heck unseres SL noch einen unverhofften Zusatzschwung zu verpassen. Aber ESP (im Popometer) und ASR (im endorphinüberfluteten Fahrerhirn) waren aktiviert und die Achsen blieben immer schön in der werksseitig vorgegebenen Reihenfolge sortiert.

 

Der gemeine Autoverkehr war freundlicherweise draußen geblieben, in den Einkaufszentren um Innsbruck herum, und auf der traumhaft freien Strecke bliesen unsere beiden 70mm-Endrohr-Trompeten das Halali für 225 Pferde und zwei Parforce-Reiter.

Auf 2000m Höhe ist man um diese herbstliche Jahreszeit dankbar für eine gut funktionierende Heizung und pfeift gerne auf den Wirkungsgrad eines TDI und einer perfekten Dachisolierung, wenn man dafür solch einen grandiosen Panoramablick geboten bekommt.

Schnell kommt da ein Hauch Mille-Miglia-Feeling auf, wenngleich die legendäre Durchschnittsgeschwindigkeit von Stirling Moss auf dem SLR mit der Startnummer 722 wieder nicht erreicht, sondern vielmehr knapp, um etwa 100 km/h verfehlt wurde.

Da passte der Menschenauflauf, durch den wir uns im nächsten Talort mit halber Schrittgeschwindigkeit schlängeln mussten, irgendwie gut dazu. Leider achteten die jedoch kaum auf unseren vor Wolllust blubbernden Silberpfeil, sondern vielmehr auf die Sonderangebote an zahlreichen Verkaufsständen, denn es war Markt.

Von Imst aus wollten wir dann auf das früher angeblich als gefährlichste Bergstrecke Europas geltende Hahntennjoch hinaufklettern, das mittlerweile zwar einigermaßen entschärft ist, aber immer noch eine reizvolle Genusstour bietet. Zunächst hatten wir den Einstieg nicht gefunden, sondern uns in der Altstadt gehörig verfranzt, wo wir zu allem Überfluss auch noch durch einen dicken Feuerwehrschaumteppich fahren mussten, mit dem kurz zuvor was weiß ich gelöscht oder vielleicht auch nur geübt worden war. Die Auto-Schaumparty war für die Passanten offensichtlich eine willkommene Abwechslung beim Einkaufsbummel und die mit einem Gasstoß hochgewirbelten Schaumfetzen sorgten für allgemeine Heiterkeit.

Im weiß verzierten Schneepflug-Design erreichten wir einen Parkplatz vor einem Autohaus, auf dem sich ein recht jugendlich besetzter BMW-Club samt ansehnlicher Fahrzeuge versammelt hatte. Da fiel mir neben etlichen M5, 635CSi, etc. auch ein schönes altes 3,0 CSL-Leichtmetallcoupe mit Original-Rennbeflügelung ins Auge.

Na ja, möglicherweise war es auch nur ein gut gemachter Nachbau, was soll’s …

Jedenfalls verriet mir einer der Reihensechszylinderfreaks, dass man ebenfalls gerade zum Hahntennjoch aufbrechen wolle und dass wir nur hinterherzufahren brauchen.

Tja, von wegen: Nur hinterher fahren! Jeder einzelne dieser Heißsporne ließ beim Start erst mal einem Millimeter Reifenprofil auf der Straße und nach einer für uns ungünstigen Vorfahrtssituation, waren die BMW-Kids schon über alle Berge. Gesehen haben wir sie nie mehr, nur noch eine Weile gehört …

Immerhin hatten wir nun die Richtung und ich wollte mich mit einem beherzten Druck aufs Pedal vergewissern, ob auch bei uns noch alle Sternen-Pferdchen zur Stelle waren, oder ob wir im Vergleich zu den BMW nur eine Horde Meerschweinchen angeschirrt hatten.

Doch was war das???

Nicht mal ein einziges unterernährtes Hamsterchen wollte ungeduldig an der Leine zerren, um die Fuhre in Schwung zu bringen. Das Gaspedal verwandelte sich unversehens zur stabilen Fußstütze und verweigerte hartnäckig seine angestammte Aufgabe als Accelerator.

Schon seit ein paar Tagen war mir aufgefallen, dass jenes freudenspendende Pedal mit einem kleinen Ruckeln auf den ersten Millimetern seines Weges zuwerke gegangen war. In meiner Überraschung, und um im Verkehr nicht zum Fels in der Brandung zu werden, drückte ich zweimal hintereinander mit etwas mehr Nachdruck auf den Fußhebel und siehe da, die acht Kolben fingen wieder an zu tanzen.

Wir atmeten erleichtert auf und fanden rasch die Auffahrt zum Joch. Schon stürmten wir wieder enge Kurven hinauf und das Adrenalin suchte sich wieder seinen Weg durch die Kapillargefäße, wie der Cursor eines Navigationssystems im symbolisierten Straßennetz. Noch einmal bockte das Pedal, ließ sich aber in bewährter Manier wieder zur Arbeit überreden. Zügig hatten wir eine beachtliche Höhe erreicht.

Das Sträßchen wurde immer schmäler und die Schatten immer schattiger.

Gerade wollte ich wieder standesgemäß aus einer Kurve heraus beschleunigen, als sich schlagartig die Pferde verabschiedeten und wir wieder mit dem unterernährten und unwilligen Hamsterchen alleine in luftiger Bergeshöh’ herumstanden. Diesmal freilich blockierte das Pedal nicht. Nein, es ließ sich sogar mit spielerischer Leichtigkeit betätigen. Nur leider blieb dabei das dumpfe Hämmern von acht reichlich eingeschenkten Töpfen auf der Strecke und die eingangs erwähnten Trompeten pupsten belanglos im Leerlauf vor sich hin.

Na prima! Schon bekamen wir die frische Kühle des hochalpinen Schattenreiches zu spüren und die Jacken wurden zugeknöpft. Nachdem wir ein Warndreieck aufgestellt hatten und den Wagen rückwärts in eine besser einsehbare Position rangieren konnten, ging es zur Fehlersuche. Der laienhafte Blick in die unendlichen Weiten eines 107er-Motorraumes brachte zunächst wenig verwertbare Erkenntnisse.

Wir drängten uns um den noch reichlich warmen Motorblock, wie zwei einsame, verlorene Cowboys ums Lagerfeuer. Immerhin konnte ich etwas beruhigt feststellen, dass ich mit dem Gestänge unterhalb des Luftfilters noch von Hand Gas geben konnte, was freilich während der Fahrt etwas unpraktisch gewesen wäre.

Weitere Blicke auf die Kinematik blieben vom Luftfiltergehäuse versperrt. Also runter damit! Während mein Sohn also an dessen Halteklammern und Flügelschrauben hantierte, baute ich die fahrerseitige Fußraumverkleidung aus, um im Hebelwerk zu forschen, wohin bislang meine Wadenkraft geleitet wurde, beziehungsweise, wo sie nun wirkungslos verpuffte. Nach langwierigem ziellosem Tasten, fanden wir heraus, dass ich mir das Herumwursteln im Fußraum hätte ersparen können, denn das Übel präsentierte sich hinter der linken Zylinderreihe in der Nähe der Spritzwand:

Das Gashebelsystem bewegt dort nämlich eine längs angeordnete, in einer Aufnahme an der Spritzwand und einer Öse auf der Zylinderbank gelagerten Welle, die die vertikalen Hebelbewegungen in besseren Zeiten einmal an das waagrecht angeordnete Gasgestänge im Motorraum weitergeleitet hatte. Wie gesagt: Früher einmal! Offensichtlich hatten wir auf beiden Seiten irgendwelche Buchsen verloren, die diese Welle fixiert und zentriert hatten. Nun aber lag sie haltlos herum und jeder Gashebeldruck bewirkte lediglich eine Eigenbewegung jener Welle, die nach vorne aus der Stirnwandhalterung herausgerutscht war.

Schnell wurde uns klar, dass wir selbst vom ÖAMTC kaum Hilfe vor Ort erwarten konnten, sondern allenfalls abgeschleppt würden, zu einer Werkstatt, vor deren Toren am Samstagnachmittag bereits eine Schar hochqualifizierter Mercedes-Oldtimer-Mechaniker ungeduldig warteten, um bis Sonntag Abend unseren Renner mit einem selbstverständlich zufällig gerade vorrätigen Original-Oldtimer-Ersatzteil wieder flott zu kriegen, ohne auch nur einen Pfennig dafür zu verlangen. Das ist man der Tradition schließlich schuldig. Vergessen wir’s lieber!

Irgendwie müsste man das Teil doch halbwegs wieder in dessen Aufnahmen fixieren können. Wenn dies gelänge, kämen wir vielleicht aus eigener Kraft nach Hause. Wir hatten auch schon einen Fixierpunkt gefunden: Eine Tragöse, an der man sonst den Motor aus dem Motorraum herausheben kann. Wenn man einen Draht um die Welle wickeln würde und die Welle Richtung Spritzwand an besagter Tragöse zurückspannen könnte, das wär’s! Wir fanden auch ein Drähtchen, das sich aber leider als zu kurz und zu schmächtig erwies.

Das ganze Auto wurde nun nach brauchbaren Material durchsucht. Kurz bevor ich mich schon fast dazu entschlossen hatte, die Drähte für die Fußraumbeleuchtung zu opfern, hatte mein Nachkomme den Verbandskasten geöffnet, fuchtelte mit der Schere herum und meinte, wozu wir denn Mullbinden an Bord hätten. Eigentlich wollte ich schon sagen „Um Deinen Kopf zu verbinden…„, aber so dumm war die Idee ja gar nicht! Allerdings hatte ich Bedenken, der Stoff würde sich schnell wieder dehnen und möglicherweise der enormen Hitze nicht standhalten. Mehr aus Verzweiflung meinte Söhnchen (1,82 m incl. genialem Informatikerkopf): „Dann zerschneide doch Dein Fensterleder…!„. Mein Gott! Das ist es!!! Leder! Elastisch, zäh, hitzeunempfindlich! Gasgestänge, was willst Du mehr? Im Nu war eine 1 cm breite Bahn herunter geschnippselt. Es ging wieder aufwärts! Ein Silberstreif tauchte am gebirgigen Horizont auf!

Da ich in meinem früheren Leben einmal ein berühmter Indianerhäuptling gewesen war, erinnerte ich mich daran, dass wir unsere Feinde damals stets mit nassem Leder an den Marterpfahl zu fesseln pflegten, das sich immer fester zusammen zog, wenn es in der grellen Wüstensonne des Llano Estacado trocknete (siehe „Winnetou„ I, II, oder III). Grausam, aber wirkungsvoll!

So tauchte ich die selbstgemachte Leder-Bandnudel in den Wischwasserbehälter und streifte das überschüssige Nass zwischen den Fingern ab. Anschließend habe ich mir ungefähr eine halbe Stunde lang sämtliche Fingerknöchel abgeschürft, bis ich die Welle an einem an ihr serienmäßig vorhandenen Hebel mehrfach mit der Lederschnur umwickelt und straff an die Motorhalteöse gebunden hatte.

Die Motorwärme dürfte später die Rolle der Steppensonne übernehmen und die Vorrichtung noch etwas nachspannen.

Ebenfalls mit großer Spannung machten wir einen Gashebeldurchdrückversuch.

Und siehe da: Die Welle blieb, wo sie ungefähr hingehörte und sie drehte sich sogar, was sofort mit zornigem V8-Gebrüll und heftigem luftfilterlosen Ansaug-Fauchen quittiert wurde. Flugs bauten wir den Luftfilter wieder drauf und sammelten das Warndreieck ein. Den Rückbau der Fußraumverkleidung hob ich mir für zuhause auf.

Gerade als ich die Motorhaube mit dem berühmten satten Klack ins Schloss fallen lassen wollte, näherte sich – man glaubt es ja nicht – ein Transporter des ÖAMTC. Der Fahrer hielt gleich an und fragte, ob er helfen könne. Ich erklärte kurz die Situation und zeigte ihm unsere etwas unorthodoxe Notlösung. Er bestätigte, was ich schon vermutet hatte: Wenn das nicht hält – Abschleppen usw.! So gingen wir unserer Wege.

Ein herrliches Gefühl, wenn nach so einer Misere das Automobil wieder hält, was sein Name eigentlich verspricht. Allerdings gingen einige Zentimeter Pedalweg durch das übergroße Spiel der Welle in ihren Halterungen drauf, ohne Vortrieb zu erzeugen. Ein unhaltbarer Zustand für einen Sportwagen!

So schleppten wir uns über den an sich reizvollen Pass, bis wir talabwärts an einem Kiesplatz gestapelte Holzscheite fanden. Wir hatten inzwischen nämlich schon krampfhaft überlegt, mit was wir den unliebsamen Spielraum dieser Mechanik ausfüllen könnten. Hier lag das Material haufenweise herum.

Also stoppten wir, bauten den Luftfilter erneut ab, was nun schon mit einer gewissen Routine klappte, und schnitzten mit einem Taschenmesser zwei kleine Holzkeile zurecht, die wir parallel zur Welle in die Aufnahmen pressen konnten. Erstaunlicherweise hielt die Konstruktion bombenfest. Die Drehbewegung der Welle wurde nicht behindert und selbst die kleinste Gaspedalbewegung wurde feinnervig mit Gasannahme der Maschine belohnt.

Wir kamen uns vor, wie zwei verhinderte geniale Maschinenbauer, die in diesem Moment des Triumphes, ohne jede falsche Scham, gegebenenfalls mal eben eine kleine Fachsimpelei mit Leonardo da Vinci vom Zaun gebrochen hätten.

Tatsächlich hielt unser Holzgas klaglos die nicht weniger sportliche Heimfahrt aus und bis ich einen Werkstatt-Termin habe, werde ich damit noch mal ordentlich vom Leder ziehen, in der Hoffnung, dass es noch passende Ersatzteile gibt.

Fazit: Holz und Leder helfen einem Klassiker nicht nur optisch auf die Sprünge!

Vor allem, wenn die Pferdchen mal abspringen. So was nennt man dann Biomechanik für Fortgeschrittene. Ich schätze mal, Gottlieb Daimler und Carl Benz hätten sich auf ihrer himmlischen Benzinwolke auf die Schenkel geklopft vor Vergnügen, während sich Rudolf Uhlenhaut wohl eher im Grabe herumgedreht hätte.

Außerdem verstehe ich jetzt endlich, warum davon spricht, einen automobilen Kontrahenten „abzuledern„, wenn man ordentlich mehr Gas geben kann …

Mit Stirling Moss, werden wir es freilich später noch einmal aufnehmen müssen. Ob uns dann unterwegs wohl noch Zeit für ein Tässchen Kaffee bleibt? Na ja, wir haben ja nicht die Startnummer (= Startzeit) 722, sondern 450. Das heißt: Wir fahren einfach früher los!

Siegfried Heiland