Mindestens seit ich mich erinnern kann, begeistern mich Automobile. Schon als Vierjähriger kannte ich kaum etwas faszinierenderes, als stundenlang Fahrzeuge auf der angrenzenden neu erbauten Bundesstraße zu beobachten. Bald kannte ich nahezu alle wichtigen Automarken und deren Modellreihen.

Durch die Tatsache, dass meine Eltern eine kleine Pension betrieben und dass vor dreißig Jahren sogar der gehobene Mittelstand noch Urlaub in Oberbayern schätzte, standen nicht selten recht ansehnliche Limousinen und Coupés in unserem Hof. Bisweilen hatte ich sogar das Glück, auf einen Ausflug in so einem schicken Wagen mitgenommen zu werden.

Meine Eltern waren finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet, weswegen ein eigenes Auto lange Zeit ein Traum blieb und auch später zunächst nur in Form eines gebrauchten „Goggomobil“ Gestalt annahm. Welch ein Kontrast! Man vergleiche das üppig gepolsterte, chromglänzende Interieur beispielsweise eines Opel Kapitän der 60er Jahre mit der doch recht „sachlich“ ausgestatteten Passagierkabine des „Goggo“; vom „Sound“ der Antriebsquelle ganz zu schweigen!

Wenn gleich ich von technischen Details so gut wie keine Ahnung hatte, entwickelte ich doch bald eine ausgeprägte Zuneigung für den edlen Wohlklang eines Reihensechszylinders, den feinen Geruch von Lederpolstern, das vornehme Gleiten in einem automatisch geschalteten Mercedes 220 S, die angenehme Zugluft eines Faltschiebedachs an heißen Sommertagen und den Wohlklang eines sogenannten „Autosuper“.

Die Zukunft ist für jemanden, der mit ausgestreckten Beinen gerade mal die Sandalen über den Rand der hinteren Sitzbank hinausstrecken kann, noch ziemlich offen – aber eines schien schon damals klar zu sein: Meine musste einfach etwas mit vielen Zylindern, Chrom, edlem Holz und Lederausstattung zu tun haben! (Wenn Sie jetzt allerdings an den Beruf des Sargträgers denken, liegen Sie im wahrsten Sinne des Wortes falsch!)

An eine Episode meines damals noch nicht allzu ereignisreichen Leben (ich ging, glaube ich, gerade in die 2. Klasse) kann ich mich noch besonders gut erinnern:

Ich spielte auf der Straße (in unserem kleinen Voralpen-Nest ging das seinerzeit noch) und wurde plötzlich auf ein langsam herannahendes Ungetüm von Limousine aufmerksam, das weißwandbereift und chrombeladen mit dumpfem „Grizzlybär-V8-Grollen“ an mir vorüber schwebte und gleich in der Nähe bei der Gaststätte meines Onkels anhielt. Wie elektrisiert lief ich zu dem Wagen, dem kurz zuvor ein „älteres“ Ehepaar von reichlich 30 Jahren und ein Junge in ungefähr meinem Alter entstiegen waren.

Entzückt strich ich über die riesigen Heckflossen, spiegelte mich in gewaltigen Chromstoßstangen, lugte neugierig durch die Scheiben und bestaunte die verschwenderische Ausstattung des zweifarbigen „Chevrolet Bel Air“, der etwa mein Baujahr haben musste.

Kurz darauf hatte ich es geschafft, mich mit dem Jungen namens Johnny Whittle anzufreunden, der es seinerseits schaffte, seine Eltern zu überreden, die es wiederum überraschend schafften, meine Eltern zu überreden, mich für ein paar Tage zu sich nach Hause einladen zu dürfen. Die unweigerlich damit verbundene Autofahrt war schlicht und einfach märchenhaft und übertraf alles bisher da Gewesene bei weitem. Sogar Sicherheitsgurte waren an Bord und mussten benutzt werden. Nebenbei: Bei Johnny zuhause herrschte auch nicht grade die nackte Armut (1 US$ = 4 DM !!).

Herangewachsen hatte ich kaum Interesse an Mopeds, Motorrädern und dergleichen, sondern stieg direkt vom Fahrrad aufs Auto um. Ich fing bescheiden mit einem geräumigen Opel Rekord an und landete nach einigen sportlichen „Verirrungen“ (Fiesta S, Golf GTI) immer wieder bei den üppig motorisierten „Fullsize-Cars“, wie div. Commodores, Granadas und Senatoren (mit Automatik, versteht sich).

So auch (vor über 20 Jahren) einen 350 SL Roadster, dessen souveräne Eleganz mich total faszinierte. Als mich der Gebrauchtwagenhändler, milde lächelnd, sogar Probesitzen ließ, genoss ich die Perspektive über die lange, kraftvoll geschwungene Motorhaube und die gediegen sportliche Innenausstattung (damals noch ohne Holz-Applikationen). Das war der Stoff aus dem die Träume sind. Betört lauschte ich dem V8, als der Händler den Wagen später in der ersten Reihe (!) parkte. So manche Mittagspause führte mich immer wieder (innerlich seufzend) daran vorbei.

Im Laufe der Jahre hatte ich eine besondere Vorliebe für große, elegante Gran-Tourismo-Wagen entwickelt, die nicht mit vordergründiger, aufdringlicher Sportlichkeit prahlten, sondern mit vornehm zurückhaltendem Charme Leistung und Klasse sozusagen „aus dem Ärmel schüttelten“. Den Inhalt solcher Träume bildeten häufig GTs vom Schlage eines Aston Martin, Jensen Interceptor, Ferrari GTB, Maserati Ghibli, und Artverwandtes.

Von den Entwicklungen im Automobilbau der letzten Jahre mit seinem Plastik-Biodesign und den „seelenlos“ programmierten High-Tech-Lösungen, vor allem von dem zwiespältigen Schleuderkurs zwischen geheucheltem Umweltbewusstsein und dem 200 PS 16-Ventiler Turbo in der Garage und von den Heerscharen schulmeisternder Links-Bremser mit „Bösem Blick“ und verstelltem Rückspiegel auf unseren deutschen Straßen war ich etwas frustriert.

Seltsam: mit meinem Fahrstil fühle ich mich im europäischen Ausland oft als Schleicher, während mich in heimischen Gefilden manchmal das Gefühl beschleicht, zur Fraktion der Raser und Drängler zu gehören. In dieser Rolle würde ich mich jedoch absolut unwohl fühlen.

Ich sehne mich mehr und mehr nach den dahinschwindenden klassischen Tugenden des puren Fahrgenusses und den „ehrlichen“ Autos, die noch ganz unverhohlen zeigen durften, dass Sie mit Gefühl und Idealismus und nicht nur mit dem ausschließlichen Gedanken an Marktanteile konstruiert wurden, dabei nicht hundertprozentig perfekt sein und wie ein Computer funktionieren mussten, sondern handwerklichen Stolz und Können im Automobilbau verkörperten, sprich: „Charakter“ hatten.

Einige dieser vorgenannten Eindrücke und Umstände waren letztendlich dann auch „Wegbereiter“ jener schicksalhaften Entscheidung, die 1994 fiel, nachdem sich folgendes zugetragen hatte:

An einem etwas langweiligen Sonntag beschloss ich, einigen umliegenden Autohäusern wieder einmal einen Besuch abzustatten. Mein derzeitiges Verkehrsmittel war (und ist) ein dieselgetriebener und anerkannt schadstoffarmer, moderner, vernünftiger Campingbus (neudeutsch: „Van“). Ein kleiner Augenflirt mit etwas flacheren, sportiveren Untersätzen stellt daher immer ein reizvolles Kontrastprogramm dar. Aber wer viel flirtet, spielt eben auch mit dem Feuer. Und plötzlich stand ich in hellen Flammen… !!

Das mit 15 Lenzen schon etwas „angestaubte“ Objekt meiner unversehens geweckten Begierde war mit hellblauem Metallic-Lack versehen und hatte (wie unseriös!) chromverblendete Radläufe, eine gut erhaltene dunkelblaue Leder-Innenausstattung mit Mittelarmlehne (sehr wichtig!), umklappbare Notsitze und ein elegantes Sportlenkrad aus Zebranoholz, ergänzt durch einen Schaltknauf aus dem gleichen Material. Auf dem typischen konkaven Kofferraumdeckel stand die sündhaft hohe Zahl „450“ mit dem legendären Zusatz „SL“. Außer durch ein paar Kratzer, kleinere Dellen, erste Anzeichen von Korrosion und sonstige Gebrauchsspuren (in Klassiker-Kreisen wohlwollend „Patina“ genannt), war die Originalität noch durch die Montage einer Frontschürze vom ’85er Modell und dessen 15″-Räder (die sog. „Kanaldeckel“) beeinträchtigt. Aber gerade diese individuelle Mixtur aus einer gewissen Frivolität, morbidem Charme und quasi adeliger Eleganz mit „Moosansatz“ war es, die meine Begeisterung zu wecken vermochte.

Nur ein paar Schritte weiter stand ein 300 SL mit elektronisch geregeltem Durst, absolut original, gepflegt, jedoch ohne „unnötigen“ Luxus, in Allerweltsfarben, und Original-„Schiffsruder“-Lenkrad; aber selbst, wenn ich die ca. 10.000 Mäuse, die jener mehr kostete, locker hätte drauflegen können: Der alte Achtzylinder hatte einfach das „gewisse Etwas“, dem ich mich nicht entziehen konnte; wenn schon Seitensprung, dann richtig. Vernunft adieu…!

Dass die gewaltige Maschine mit ihren 72.000 Kilometern gerade mal halbwegs eingefahren war, weil elf lange Jahre von einer älteren Dame bewegt, dem Kundendienst-Scheckheft kein Stempel fehlte, neue Bremsen, und neue 205er „Goodyear NCT“ montiert waren, kein Tropfen Öl unter dem Wagen zu sehen war, mein kleiner Magnet auch an kritischen Stellen an Blech haftete, statt von dicker Spachtelmasse verschmäht zu werden, und der neue TÜV-Bericht keine Mängel aufwies, ertappte ich mich alsbald bei dem Gedanken, wie ich meiner Lebensgefährtin einen evtl. Erwerb dieses Edel-Roadsters nahe bringen könnte.

Na, eine klitzekleine Probefahrt würde ja wohl niemandem schaden…! Schon saß ich auf den altmodischen konturlosen, aber durchaus bequemen Ledersitzen. Der markante Duft des Interieurs (eine Mischung aus Leder, Holz und Benzin, die für in Ehren ergraute Klassiker so typisch ist) erzählte mir aufregende Geschichten vom gelassenen Gleiten auf Boulevards und Alleen, sowie von spritzigen Fahrten über kurvenreiche Alpenpässe und anderen Abenteuern, die uns beiden bevorstehen könnten. Die Türen und Hauben fielen derart satt in die Schlösser, dass ich mich beschämt daran erinnerte, des öfteren behauptet zu haben, Mercedes-Benz „koche auch nur mit Wasser“.

Mit einem Kribbeln den Fingern steckte ich den Schlüssel ins Zündschloss… Sofort nach der ersten Umdrehung erwachte der V8 zum Leben. Ein vorsichtiger Tritt auf das Gaspedal brachte den Zeiger des Öldruckmanometers schlagartig zur „Erektion“ und verwand den Vorderwagen fast unmerklich im Uhrzeigersinn; welch ein Drehmoment mochte da am Werk sein! Die Großkolbenmaschine fiel sogleich in einen seidigen, gleichmäßig pochenden Leerlauf.

Das war es! Auf dieses Gefühl hatte ich 37 Jahre lang gewartet! Übervorsichtig rollte ich vom Hof. Wie ein alter Herr lenkte ich den barocken Boliden durch die Stadt. Endlich war ich auf der Landstraße und das Kühlwasserthermometer signalisierte Betriebstemperatur. Ich konnte den Druck auf das rechte Pedal verstärken. Aus dem Motorraum drang ein entferntes Hämmern. Ein sanfter, aber unerbittlicher Schub setzte ein, der nicht enden wollte. Dieses Gefühl kannte ich bisher nur vom Urlauber-Jet auf der Startbahn. (Inzwischen weiß ich natürlich, dass jene Schubkraft dank der Aerodynamik eines geöffneten Bremsfallschirms schließlich doch endet – etwa bei Tachoanzeige 235 und dem dezenten „Säuseln“ eines mittleren Orkans!)

Der Wagen lief wie neu. Kein Klappern, kein unstandesgemäßes Nebengeräusch. Als ich ihn zurück brachte, fühlte ich mich ein bisschen wie Karl Kling. Jener war zwar ein leidenschaftlicher Fahrer, aber auch berechnend, und diesem Beispiel folgend beschloss ich, keine Kurzschlusshandlung zu begehen und einige Nächte von dieser Fahrt zu träumen, sowie intensive Wirtschaftlichkeitsberechnungen anzustellen.

So manches sprach gegen einen Kauf; zum Beispiel meine Lebensgefährtin, die ihre bislang massivsten Drohungen vernehmen ließ („Wohl völlig verrückt geworden?“, „Da steige ich niemals ein!“, „Was sollen die Leute denken?“, usw.), wie überhaupt alle vorsichtig befragten Freunde und Kollegen („Wenn ich Deine Freundin wäre, würde ich Dir die Koffer vor die Tür stellen!“). Na ja, wenn es ein maßgeschneidertes „SL“-Kofferset wäre…? Doch nein! Soweit wollte ich es lieber nicht kommen lassen! Jetzt fahren wir erst mal in den Urlaub! Und wenn er dann noch da sein sollte…

Drei Wochen später war er natürlich vom Hof des Autohauses verschwunden; schlimmer noch: Ich glaube, er kam mir sogar auf meiner Fahrt dorthin entgegen. Wut überkam mich. Inzwischen hatte ich nämlich ausgerechnet, dass ich ihn mir durchaus als Sommerfahrzeug hätte leisten können, wenn meine Freundin den Bus übernehmen würde. Die Steuer betrug ja „nur“ DM 18,80 (multipliziert mit Faktor 45) und mein Haftpflicht-Versicherungsbeitrag lag bei 35 %. Den teuren Vollkaskoschutz gibt’s bei so einer alten „Karre“, sowieso nur gegen Wertgutachten; hingegen: Teilkasko wäre erschwinglich.

Aber nun musste ich alle Hoffnung fahren lassen – Aus der Traum! Zwei Tage lang war ich nun für meine Umwelt ungenießbar (fragen Sie ruhig nach!). Um absolute Gewissheit zu bekommen, rief ich beim DB-Verkäufer an: „Der blaue 450 SL ist wohl verkauft, oder?“ – „Aber nein, der steht nur in der Werkstatt zum Ölwechsel!“ schallte es vom anderen Ende der Leitung…

Mein Adrenalinspiegel stieg unversehens an. Jetzt hieß es handeln!!! Ich bat, den Wagen beim ADAC gründlich untersuchen lassen zu dürfen, was erfreulicherweise vorbehaltlos genehmigt wurde. Einen Tag später schon war ich mit roten Kennzeichen dorthin unterwegs. Nach unendlichen drei Wochen saß ich nun wieder in „meinem“, mir mittlerweile schon richtig vertraut vorkommenden Traumwagen und wurde nach wenigen Kilometern sogar von einer entgegenkommenden R107-Fahrerin per Lichthupe gegrüßt, was mich besonders freute (Willkommen im Club!??). Diesmal fuhr ich angesichts des herrlichen Wetters mit versenktem Dach. Es war das erste Mal, dass ich einen offenen Wagen steuerte. Obwohl mich Cabriolets im allgemeinen nie besonders reizten, merkte ich gleich, dass ich da wohl etwas versäumt hatte. Ein völlig neuer Eindruck: Man riecht die Umwelt intensiv, hört die Vögel zwitschern, spürt die Frische in schattigen Wäldern und die warme Sonne auf der Haut. Ein noch ungewohntes Gefühl der Freiheit, aber auch der Geborgenheit (dank der tiefen Sitzposition und einer soliden Heizung) stellte sich alsbald ein. Hier möchte man nie wieder aussteigen!

Nachdem das ADAC-Gutachten trotz einiger oberflächlicher Rostpickel allgemein recht beruhigend ausfiel, glückte es mir, in den folgen Tagen unsere Hausverwaltung nach zähen Verhandlungen zu überzeugen, dass ein vermieteter Tiefgaragenstellplatz für die halbe Pacht besser ist als ein unvermieteter, den ehemaligen Kraftfahrt-Versicherer meiner Freundin einsehen zu lassen, dass sie Ihren allzu leichtfertig überlassenen Schadensfreiheitsrabatt zugunsten unseres VW-Busses irgendwie zurückkriegen musste, und meine Freundin spüren zu lassen, dass sie alsbald Halterin eines großen Autos mit Schiebetür sein wird, weil für mich ein Leben ohne „SL“ wie die sprichwörtliche Suppe ohne Salz ist. Trotz aller Widerstände ihrerseits erkannte sie plötzlich, dass hier etwas vorging, dem mit rationalen Argumenten nicht beizukommen war („Es ist, Gott sei Dank, Dein Geld…!“). Schließlich gelang es mir noch, dem DB-Verkäufer, außer einem Preisnachlass von etwa 10% einschließlich einjähriger Reparaturkulanz, eine Überholung der Verdecknähte und -Dichtungen, sowie drei neue Kunststofffenster abzuringen. Was wollte ich mehr?

Einen Haken hatte die Angelegenheit aber leider doch noch: Mein Fast-Schwiegervater (im folgenden als „FSV“ bezeichnet) träumte schon sein ganzes Leben lang davon, einmal Eigner eines vierrädrigen Produktes der Daimler Benz AG zu werden. Weiß der Kuckuck, warum er sich den Wunsch nie erfüllt hat, obwohl er durchaus dazu imstande gewesen wäre. Unvorteilhafterweise habe allerdings ausgerechnet ich immer argumentiert, dass ein Mercedes auch nix anderes sei, als ein etwas konservativeres Fortbewegungsmittel (Ich dachte dabei natürlich mehr an die zur Debatte stehenden 190er Typen, sowie C- und E-Klasse).

Und jetzt stellen Sie sich bitte einmal vor, wie ich mit verklärtem Gesichtsausdruck und offenem Verdeck den monströsen Stern im Kühlergrill zum Gartentor meines FSV hereinschweben ließ, während Letzterer, auf seinem Balkon dieses Szenario verfolgend, schlagartig zur Versteinerung gerann.

Nachdem er wieder in der Lage war, zusammenhängende Worte zu formulieren, hörte ich in eindeutig vorwurfsvollem Tonfall etwa folgendes:

„Man muss sich Träume erhalten können, sonst zerplatzen sie in der Realität wie Seifenblasen…“ (Oh, wie ich dieses „Zerplatzen“ liebe…), „Man muss Prioritäten schaffen, wie man sein Geld anlegt…“ (Habe ich doch getan…!?), „Man hat…!“, „Man soll nicht…!“, usw. – kurz: 3 Wochen Krisenstimmung. Nur ein unverzüglicher Wiederverkauf sei angeblich in der Lage, den Familien-Frieden wiederherzustellen!

Nach einer längeren Beruhigungsphase, bei gleichzeitigem „Wirken lassen“ des strittigen Objekts, herrscht inzwischen folgende neue Situation:

„Stell‘ doch den Wagen weiter vorne bei der Einfahrt ab, sonst sieht ihn ja niemand…“ (!!!). Alle Freunde, Nachbarn und Bekannten und einige Fremde wissen inzwischen, dass „wir“ (also er und ich!) einen schönen alten SL haben. Regelmäßig bewirbt er sich als mein Beifahrer für eine örtliche Oldie-Ausfahrt, für die wir beide mittlerweile sogar die Berichterstattung in der lokalen Presse übernehmen.

Und meine liebe Lebensgefährtin? Nun, sie hat mich mittlerweile geheiratet; trotz (oder wegen?) meiner „Mitgift“. Obwohl wir vor kurzem eine Eigentumswohnung erworben hatten und der Erlös aus einem etwaigen Verkauf des Wagens unsere Zinsbelastung sicher merklich gedrückt hätte, stimmte sie meinem (ohnehin scheinheiligen) Veräußerungsvorschlag nicht zu. Ich hatte natürlich längst bemerkt, dass zahlreiche schöne Ausflüge, neue nette Kontakte in der Club-Szene, die Qualität des Fahrzeuges an sich und nicht zuletzt auch anerkennende Bewunderung so mancher Passanten ihre Wirkung gezeitigt hatten.

Es gibt freilich auch Leute, die sagen: „Mein ‘VW Golf VR6′ beschleunigt doch wesentlich besser…“ und hetzen mit qualmenden Niederquerschnitts-Socken von dannen. Sie fragen: „Muss man denn für ca. 217 PS unbedingt im Schnitt 14-18 Liter Super Plus verbrauchen?“ während sie die Tür ihres „Opel Calibra Turbo“ zuschlagen („Plännng!!“). Oder: „Ein Auto ist für mich doch lediglich ein reines Fortbewegungsmittel um von A nach B zu gelangen! Äääh, aber ich darf mich in Ihres doch mal kurz reinsetzen?“

Inzwischen erfreut sich unser SL eines geregelten „Wurm“ Katalysators und einer sonor röchelnden Edelstahl-Auspuffanlage und ich mich über einen Steuersatz von 13,20 pro 100 ccm und der vorerst abgewendeten Gefahr, bei schönem Wetter einem Fahrverbot zu unterliegen. Ein bisschen Vernunft muss halt doch sein. Bei dem Thema „Vernunft“ ärgert mich übrigens vor allem eines: (hier fehlt ein Teil, der wurde als Vorwort missbraucht)

PS: Mein ehemaliger FSV, der ja nun zum SV geworden ist, fährt inzwischen seinen eigenen Mercedes.

Siegfried Heiland