Es gibt diese Autos, vor allem aber gab es sie: Er gehört zur Klasse der offenen Gleiter.

Sein Wesen ist sanft. Nie hat er gebrüllt oder getobt, nie mit den Hufen gescharrt und die Hörner gesenkt. Wenn er es eilig hatte, trat er niemandem auf die Füße, während er nach vorn strebte. Und das bei diesem Namen! SL – das klingt doch nach Flügeltüren und Gitterrohrrahmen. Für alte Herren mit gutem Erinnerungsvermögen klingt es gar nach S, SS und SSK. Aus deren Leibern ragten noch silberne Auspuffschlangen, damit man den Lärm auch sehen konnte.

Mit diesem 300 SL war ich soeben angekommen. Weich und warm hatte mich der Sommerwind umfächelt, während ich dem saugenden Schmatzen der Reifen lauschte. Der Reihen-Sechszylinder war über ein Flüstern kaum hinausgekommen. Er macht aus 2000 Umdrehungen im fünften Gang 90. Da singt jeder Vogel am Wegesrand lauter. Nun war ich am Ziel der kurvenschlängelnden Landstraßenfahrt hügelauf und hügelab im Voralpenland. Ich trat die Handbremse und zog den Schlüssel ab, rückte mir die staubfarbene Sportmütze zurecht und hörte, noch ehe die Tür ins Schloss fallen konnte, die Frage des Mädchens: „Was meinen Sie – wird der mal ein Oldtimer?

 

Ich war nicht unvorbereitet. Es war die Frage, die mir schon mein Nachbar gestellt hatte, und meine Freunde, und ein Parkwächter, ein Dutzend unbekannter Fußgänger und meine Frau Liane. Von den Gesichtslosen, die es seit Wochen von mir am Telefon wissen wollten – auch während des Mittagessens und kurz nach dem Einschlafen – ganz zu schweigen. Es war die Frage, die in der Luft lag.

Also wirbelte ich den Zündschlüssel einige Male um den Zeigefinger, lächelte das ausnehmend hübsche Mädchen an und nahm die Antwort durch ein gewichtiges Kopfnicken vorweg. „Ganz gewiss“, sagte ich, dann, „es ist kein Zweifel erlaubt, er wird mal einer, denn er hat nur zwei Sitze, ein Segeltuchverdeck, mehr als zwei Dutzend Meter Chrom, und er ist ein Mercedes. Dazu kommen noch etliche Kilogramm verchromter Beschläge, aus dem vollen geschnitzt, und vergessen wir nicht jenen Viertelquadratmeter im Cockpit, der wie Wurzelholz aussieht.“

In den blauen Augen leuchtete Dank auf. Neugierige Mädchen treffen oft auf wortkarge Männer, denen erst sehr viel später einfällt, was sie alles hätten sagen können. Ich aber machte nun eine den ganzen Wagen umfassende Geste und prophezeite: „Eines Tages wird man vor ihm niederknien, als hätte er Flügeltüren“. Das klang noch ein Weilchen nach, im Sonnenglast dieses herrlichen Sonnentages über der Szene wabernd. Nostradamus hätte es nicht besser bringen können.

Die Frage war des Aufwandes würdig. Sie wurde mir stets so besorgt gestellt, als läge ein Dichter in den letzten Zügen. Wird er unsterblich sein?

Wer fragt das schon, wenn ein Passat verweht, oder ein den Kadett den Dienst quittiert, ein Mustang enteilt oder ein Horizon an demselben verschwindet? Es interessiert ja auch niemanden, wer das Telefonbuch geschrieben hat, aber nach Hemingway fragt man noch immer. Ich habe das laut gedacht. Das Mädchen sagt: „Ich fahre ein Telefonbuch. Da drüben!“

Da stand eine jener bunten Schachteln aus Spielzeugblech, an denen Räder befestigt werden, nur ein Achselzucken wert und so verwechslungsfähig wie Maiskörner, die im Hühnerhof ausgestreut worden sind. „Er wird unsterblich sein“, nahm ich den Faden wieder auf. „Bedenken Sie doch nur, wie wunderbar umständlich sich das Roadsterverdeck öffnen und schließen lässt. Man benötigt dazu jene beiden Hebel im Gewicht königlichen Tafelsilbers, die im Handschuhfach liegen. Mit ihnen ließe sich auch ein Wegelagerer erschlagen. Statt dessen schiebt man sie beidseitig in die mächtigen Verdeckbolzen, wenn es gilt, die Verdecknase mit der Frontscheibe zu vermählen. Danach packt man sie wieder weg. Und wehe, man findet sie nicht gleich, wenn es bei geöffnetem Verdeck zu regnen beginnt.“

Ich hob wissend beide Augenbrauen und ruderte mit den Armen. Erst gestern war mir das passiert. Lianes hummerfarbenes Lederkostüm hatte saure Regenflecke bekommen, weil es ihr nicht schnell genug gelang, einen Schirm aufzuspannen, zumal dieser im Kofferraum gelegen hatte. Ich war am Ende so nass wie damals in jenen glücklichen Zeiten, als das Verdeck unseres alten Opel klemmte. Dessen Mechanismus wusste mein Vater mit den blumenreichsten Flüchen zu verdammen, die einem Knaben zu Ohren kommen können. Meist hörte es auf zu regnen, wenn das Verdeck endlich geschlossen war. Ich legte Tadel in meine Stimme, als ich dem Mädchen verriet, dass der neue SL ein Verdeck haben würde, das sich per Knopfdruck öffnen und schließen lässt. „Entsetzlich“, rief das Mädchen, „wo wird das alles noch hinführen?“ Und wir schüttelten uns beide angewidert. Aber der SL zog uns rasch wieder in seinen Bann. Das Mädchen lehnte sich über die Türkante und spähte ins Cockpit hinein, berührte mit der Hand die Stelle, die so aussah, als wäre sie dem Stamm eines Walnussbaumes entnommen, und gab zu bedenken: „Es ist kein Viertelquadratmeter, es ist weniger.“ „Aber es ist eine Menge mehr als gar nichts“, murrte ich. Dann lehnten wir beide auf der Türkante, als wäre sie das Fensterbrett mit dem Blick zur Straße, auf der ein Festzug vorüberzieht.

Blondes Haar kitzelte mich am rechten Ohr, und schöne Gedanken überschwemmten mich, wie immer, wenn ich in einen offenen Wagen hineinschaue. Das war schon so, als ich noch aufs Trittbrett klettern musste, um hineinschauen zu können. So hoch waren damals die offenen Wagen, und so klein war ich noch, als ich sie schon den Limousinen vorzog, die allesamt nach Mottenpulver rochen. „Ein offenes Cockpit ist mehr Auto, als man sich nur wünschen kann“, sagte ich. „Sonst ist da nur ein Blechdach, und man stößt mit der Stirn gegen eine Scheibe, in der sich alles spiegelt, was draußen ist. In einem offenen Auto kann man aber auch drinsitzen, wenn man nur draußen stehen darf.“

Bevor ich mich ob dieser wirren Wortwahl schämen konnte, sagte das Mädchen: „Ja, mit den Augen.“ Wie herrlich ist es doch, verstanden zu werden, auch wenn man nur stammelt. Das widerfährt nicht jedem Mann bei einer schönen Frau.

Nun strich diese schlanke, braune Hand zärtlich über das Leder des Sitzes. „Da hat man nur Sonne und Himmel über sich“, sagte das Mädchen. „Oder den Mond und die Sterne“, entschlüpfte es mir, aber ich flüchtete mich rasch in ein forsches Räuspern, entsann mich auch, dass mir Liane eingeschärft hatte, in meinem Alter müsse ich im Umgang mit offenen Zweisitzern besonnener sein als früher. Was haben mir diese Dinger nicht schon alles eingebrockt! Ich beschloss, nun rasch in das Oldtimer-Museum hineinzugehen, vor dessen Tor ich angehalten hatte und aus dem das Mädchen gekommen war, auf dessen Jeans-Jacke der bunte Aufnäher einer britischen Sportwagenmarke leuchtete. Der Sachverstand kam also nicht von ungefähr. Ich sagte „nun denn …“ oder etwas Ähnliches, um meinen Absprung einzuleiten, vermochte aber nicht, mich von der Stelle zu rühren.

Da stand sie, an die Gürtellinie des SL gelehnt. Man hätte ein Prospekt-Foto daraus machen können. Und als ich gerade ganz bestimmt gehen wollte, hauchte sie: „Ich weiß nicht, was ich alles zu tun bereit wäre für dieses Auto.“

Das war gelogen, sie wusste es genau. Und ich wusste es auch. Als ich so jung war wie sie, hätte ich dem Teufel meine Seele verkauft für einen zweisitzigen DKW. Und der hatte nur 20 PS. So ist das mit den offenen Zweisitzern. Und deshalb werden sie immer geliebt werden. Diesen hier wird es immer geben. Da spielt es überhaupt keine Rolle, dass wir ihn damals, als er im Jahre 1971 zum ersten Mal auf der Bildfläche erschien, spießig fanden. Irgendwie waren wir doch alle ein wenig enttäuscht. Immerhin ging es hier um zwei bedeutungsschwangere Buchstaben, um ein S und ein L, also um Sport und um Leicht. Leicht wie leichtfüßig und leichtlebig, wenn nicht gar leichtsinnig. Mit Leichtbau hatte es wohl nichts mehr zu tun. Das Ding wog schon am Tag seiner Geburt eine und eine halbe Tonne. Wir sind eben manches mal ungerecht, voreingenommen, vielleicht aber auch nur nicht weitsichtig genug. Denn bisher hat es doch jeder Zweisitzer geschafft, eines Tages schön und begehrt zu sein, notfalls nach seinem Ableben. Das hat er all denen voraus, die jemals in ihm dringesessen haben.

Dieser hier steckt gerade in jener interessanten Phase, in der wir Gefahr laufen, ihn nicht richtig einzuordnen. Im Augenblick ist er weiter nichts als ein Gebrauchtwagen oder ein Auto, das man sogar noch aus dem Schaufenster heraus kaufen kann. Diese Tatsache trübt unseren Blick. Erst in fünf Jahren sehen wir klar, in zehn Jahren glasklar, und in 15 Jahren sind wir bereit, uns stundenlang dafür zu ohrfeigen, dass wir ihn damals, als er noch zu einem ganz normalen Preis zu haben war, nicht begriffen haben. Die Zukunft und die zukünftigen Automodelle werden uns lehren, wie wunderbar er gewesen ist.

Der Verfall der automobilen Architektur schreitet weiter fort. Den SL werden wir auf Podeste stellen. Allein für seinen Katalog werden wir Traumpreise bezahlen. Was steht da eigentlich drin?

Na bitte: Gleich auf Seite zwei ist der SSK von 1927 abgebildet, als wäre er sein Großvater. Darunter ein Bild vom herrlichen 540 K Spezial-Roadster von 1936, der einer der schönsten Zweisitzer überhaupt war. Eine Handbreit tiefer der 300 SL-Roadster von 1957, schon ohne Mercedes-Kühler mit Stern-Denkmal obendrauf, dafür mit Rennschnauze, an Silberpfeile erinnernd. Und daneben steht es schwarz auf weiß: „Formel SL, die große Tradition des sportlich Exklusiven“.

Wie konnten wir ihn je auch nur einen Atemzug lang verkennen, zumal seine dynamische Form die Mode hinter sich lässt. Da wird auch noch das Wort vom „SL-Kühler“ geprägt, woraus erhellt, weshalb er bei keiner Limousine zu finden ist. Er bleibt den Sportwagen vorbehalten. Dahinter befindet sich Hubraum nach Wahl. Drei Liter, 4,2 Liter und fünf Liter. Dem Drei-Liter würde ich deshalb den Vorzug geben, weil das Auto dann 300 SL heißt.

Welch ein Name! Er darf niemals sterben. Immer werden sie in Untertürkheim vor diesen Schriftzug ein Auto schrauben. Man kann natürlich auch seinen 500 SL als 300 SL tarnen. Da ist dann nur der Spoiler im Weg. Schnell genug sind sie alle drei, denn 200 km/h sind auch im Kleinen drin. Für einen offenen Gleiter ist das fast zu viel. Wen eine Giftspritze sticht, sollte sich anderweitig umsehen. Es steht auch deutlich genug im Katalog. worum es wirklich geht:

„… ein Angebot an Fahrer, die die Vitalität des offenen Fahrens lieben. Und “offen“ fühlen sich 200 wie 250 an. Bei Oldtimer-Rennen wird man diesen Typ ohnehin niemals sehen, später. Eher bei Schönheitswettbewerben. Und ganz sicher auf Versteigerungen. Da wird er eines Tages Rekorde brechen. Ich gebe aber zu, dass das 50 Jahre dauern kann, denn es sind viele gebaut worden. Ein halbes Jahrhundert vergeht schnell. Derzeit feiert der 540 K von 1938 Triumphe. Für ihn zahlt man Millionen, und ich bedaure lebhaft, mir damals nicht einen zur Seite gelegt zu haben. Väter sollten ihren Söhnen einen SL zur Konfirmation schenken. In Folie eingeschweißt. Eine bessere Alterversorgung kann man dem Filius kaum mit auf den Weg geben.

Der SL wird unsterblich sein. Es ist kein Abschied für immer, wenn er Ende 1988 aus der DB‑Modellpalette verschwindet. Es genügt schon, wenn man ihn mit den Augen eines Menschen betrachtet, der in 20 Jahren vor ihm stehen wird. Mir ist es gegeben, mich in einen solchen Menschen hineinzuversetzen, denn ich bin Oldtimer-Sammler. Jeden Strich, jede Sicke, jede Leiste wird er loben und lauthals behaupten, das seien noch Zeiten gewesen. Hinzu kommt, dass er damals, also heute, von diesem Auto geträumt haben mag, ohne es sich leisten zu können. Jugendträume sind hartnäckige Verfolger. Während ich, um einen guten Schluss für diese Geschichte verlegen, am Typenrad herumkaue, klingelt das Telefon.

Das Mädchen ist dran. Es entpuppt sich als bessere Tochter, die den Papa dazu überredet hat, rasch noch einen SL zu kaufen, ehe es zu spät ist. Ich soll dazu einige Tipps geben.

Woher sie meine Nummer wusste? Nun, es war mein Museum, vor dem wir uns begegneten. Solche Sachen passieren eben, wenn man in offenen Zweisitzern herumfährt, anstatt brav in seiner Limousine zu sitzen.

Merken Sie sich das.

Mit freundlicher Genehmigung von Fritz B. Busch