Wir lieben das Automobil, Und wir würden es noch mehr lieben, wenn weniger davon unterwegs wären. Das ist verständlich, denn wir möchten den Individual-Verkehr individuell betreiben. So wie früher. Deshalb blickt mancher gern zurück. Damals waren die Autos zwar keineswegs besser, aber die Straßen waren, gemessen an der Verkehrsdichte von heute, so gut wie leer. Begegnete man einander, winkte man sich zu. Es gab auch noch keinen Stau. Wo hätte man die vielen Autos dazu hernehmen sollen?

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Also war es eine Lust, mit dem Auto unterwegs zu sein. Bei uns zu Hause fuhr man nur offene Wagen. Und so ergab sich eine Spielart des Autoreisens, der ich heute nachweinen würde, wenn ich nicht längst gehandelt hatte: Ich fahre wieder offen!

Also genieße ich es, unterwegs zu sein und lege es nicht ausschließlich darauf an, sobald wie möglich irgendwo anzukommen. Hat man es verlernt, das Unterwegssein zu genießen? Wenn ja, dann ist daran nicht zuletzt die gepresste Schachtel schuld, die uns zur Expressgut-Sendung degradiert. Im offenen Wagen hingegen werden wir befördert wie von einer Brieftaube. Dieser Vergleich fliegt mir zu, nachdem ich heute morgen eine junge Dame sah, deren weißes Golf Cabrio der Schriftzug „La Paloma“ zierte. Da addieren sich Besitzerstolz und Fahrfreude zu Lebensfreude. Das Cabrio macht’s möglich.

Und da ergibt es sich auch, dass man im Straßenverkehr individuell unterwegs ist und nicht als Postwurfsendung. So kann man sich, umgeben von Zwängen, doch freimachen, der Vermassung ein Schnippchen schlagen und ein bisschen „wie gestern“ fahren, Wie war das damals?

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Unsere Sehnsucht nach Gestern klammert solche Details aber aus. Und bis zum offenen Tourenwagen ohne ausreichenden Wetterschutz müssen wir gar nicht gehen. Der halbe Weg genügt, und er führt zu einem rundum erfreulichen Ziel: Zum Cabriolet, das gleich nach dem offenen Tourenwagen kam und all jenen Trost spendete, die vor dem Umsteigen in die allseits geschlossene Blechschachtel zurückschreckten. Und weil das Cabriolet auch damals schon teurer war als die Limousine, war es neben all seinen anderen Vorzügen auch noch gesellschaftsfähig. Daran hat sich nichts geändert; nur war der Lustgewinn, den das Cabriolet bietet, lange Zeit in Vergessenheit geraten.

Man fühlte sich im geschlossenen Wagen wohl, zumal man gar nicht erpicht darauf war, der Natur nahe zu sein. Die war ohnehin und im Überfluss vorhanden, und pflegeleicht war sie auch noch. Wir hüllten uns freudig in Kunststoff, bevorzugten auch Möbel aus verchromtem Stahlrohr und ließen uns vom Neonlicht bescheinen.

Dennoch haben wir ahnungsvoll so manchem Käfer Cabrio nachgeblickt. Das gab es ja immer, also tauchte es auch stets irgendwo auf, und es saßen Menschen darin, die bei geöffnetem Verdeck den schönen Sommertag genossen, Sie strebten – wie wir – irgendwo hin, aber es war nicht zu übersehen, dass ihnen mehr Fahrspaß beschieden war. Ich blickte ihnen nicht lange nach, ich kaufte mir ein Käfer Cabrio, und seitdem bin ich wieder – wie damals in den Autos meines Vaters – ein begeisterter Offenfahrer. Ob wir nun einen See umrunden, ob wir durch Wiesen oder Wälder fahren, immer genießen wir es, nicht im Wohnzimmer zu sitzen, sondern auf der Terrasse. Offenfahren ist wie Baden im Wind, wie Nacktschwimmen im Mondschein, wie Schlafen im Heu.

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Wie bitte? Es zieht? Dann sind Sie falsch angezogen! Gerade die Cabrio-Fahrer beiderlei Geschlechts haben eine herrliche Ausrede dafür, dass sie sportlich-elegant gekleidet sind. Die junge Dame von heute trug eine freche Sportmütze, und es gibt auch schon lange wieder jene ebenso praktischen wie schnittigen Cabriofahrerhauben aus weißem oder beigefarbenem Leinen oder aus weichem Leder.

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Für Damen und Herren gibt es aber auch eine Cabrio-Frisur, die man ungestraft dem Wind aussetzen kann. Dies nur am Rande, ohne einen der Hauptvorzüge des Cabrios zu verschweigen: man kann es auch geschlossen fahren, und dann ersetzt es die Limousine vollkommen. Keine Limousine aber lässt sich bis zur Gürtellinie aufmachen. Und so ist das Cabriolet eigentlich das bessere Automobil, weil es sich den äußeren Gegebenheiten ebenso wie unserer inneren Stimmung anpassen lässt. „Mir ist heut‘ so nach Tamerlan zumut“, sang man in den Goldenen Zwanzigern. Weshalb soll uns nicht mal nach Cabrio zumut sein? Das wäre auf jeden Fall eine gute Voraussetzung, den Tag, den Feierabend oder das Wochenende – und natürlich auch die Urlaubsreise zu beginnen.

Der jungen Dame war heute morgen nach Cabrio zumute. Mir auch, und wir winkten uns zu. Das war der Augenblick, in dem ich fröhlich vor mich hinzupfeifen begann. In einer Limousine wäre das nicht passiert …

Mit freundlicher Genehmigung von Fritz B. Busch