Der Wunsch, Mercedes SL zu fahren, kann unter Umständen lebensrettend sein …!  (E-Mail an Clubfreund Hans)

… Ach ja, ich wollte Dir ja noch erzählen, warum DU indirekt ein Leben gerettet hast:

Doktor1

Also, DU hast mir vorgeschwärmt, wie Ihr beide Euch spontan frei genommen habt und mit Eurem SL durch die Gegend gebrettert seid.

Am nächsten Tag hatte ich in der Früh glatt verschlafen. (Wink des Schicksals!?) So rief ich im Büro an und fragte, wie der Laden läuft und ob’s okay wäre, wenn ich erst mittags käme. Alles in Ordnung!

Mittags erinnerte ich mich dann an Deine Mitteilung und dachte mir, ‚Ach, das Wetter ist herrlich! Nimmst den SL und fährst über einen kleinen Umweg ins Büro!‘ Aber der Umweg war so super schön, dass ich dachte ‚Eigentlich bist ein Depp, wenn Du bei dem Wetter noch ins Büro gehst! Was der Hans und die Hanni können, kannst Du doch auch…!‘

Also Anruf. Die Kollegen blieben relaxt und wünschten mir einen schönen Tag. Prima!

So bin ich nun mit dem bereits Hardtop-bedachten SL durchs Voralpenland gegondelt, hab auf einen Sprung bei Fa. Kübler Prototypenbau vorbeigeschaut (wo ich meinen Edelstahlauspuff her habe), dort einen für Rundstreckenrennen liebevoll aufgebauten Volvo „Amazon“ bewundert (rattenscharfes Gerät!) und Bauklötze gestaunt, dass eine an allen Ecken und Flächen von der braunen Pest zernagte Pagode dort noch als lohnende Restaurationsbasis betrachtet wurde. Nach dem anregenden Benzinpläuschchen ging es dann wieder auf verschlungenen Pfaden nach Hause.

Da ich noch Zeit hatte, hielt ich unterwegs vor einer Supermarkt-Filiale in unserem Viertel und machte ein paar Einkäufe! Im Laden rief ich meine Frau an, was uns noch fehlen würde, worauf sie mir erzählte, sie hätte doch gestern schon eingekauft und der Kühlschrank sei voll. Aber wenn ich wolle, könne ich noch etwas Wurst besorgen …!

Ich fragte mich allmählich, was ich hier eigentlich suchte, wo ich doch sonst eher selten freiwillig einkaufe!

Doch sogleich sollte ich es erfahren und meine unbeschwerte Ausfahrt einen dramatischen Abschluss finden:

Ich wurde eben an der Wursttheke bedient, als plötzlich jemand aufgeregt rief: „Da hinten ist grad eine Frau umgekippt!“ Ich rannte hin (bin regelmäßig getrimmter Ersthelfer in unserer Behörde) und spulte die gelernte Routine ab. Notruf, Schocklagerung mit ein paar Kartons Tütensuppe, vergebliche Ansprechversuche, Vitalfunktionen checken.

Die knapp 60jährige atmete noch zwei, drei Stöße in einem verkrampften Röcheln. Ich brachte sie nun in die Seitenlage, weil viel Speichel aus ihrem Mund lief, organisierte ein kleines Kissen (sie hatte sich beim Sturz auch den Kopf verletzt, blutete leicht). Umringt von etlichen eher hilflos dreinblickenden Kunden und Angestellten musste ich feststellen, dass die Atmung nun vollständig weg blieb. Der Blick war völlig starr, die Pupillen weit und kein Puls mehr tastbar. Verdammte Hacke! Plötzlich begriff ich, dass sich die Dame soeben auf- und davongemacht hatte, um sogleich an der Himmelspforte anzuklopfen.

Nun war also das „volle Programm“ gefordert! Meine Bitte ans „Publikum“, mir bei der Herzdruckmassage zu helfen, verhallte recht wirkungslos. Einigen fiel nun ein, dass sie ja rasch noch einkaufen müssten!

Also Solovorstellung! Ihre Jacke aufgerissen, Pulli hoch, Mund-Nase-Beatmung (es gibt Anregenderes, aber musste einfach sein) und abwechselnd pumpen, was das Zeug hält. Nach ‚endlosen‘ 8 Minuten waren die First Responder von der Feuerwehr da. Die baten mich, weiterzumachen, bis Defibrillator und Beatmungshilfen startklar waren.

Die Klamotten wurden kurzerhand aufgeschnitten. Diagnose: Herzstillstand. Der „Defi“ kam zum Schuss. Ein schwacher „Schubser“ reichte schon. Herztätigkeit feststellbar! Dann intubieren, künstliche Beatmung, Spritzen, Infusion anlegen. Ich wurde vom Handlanger „Geben Sie mir dies und das … aus der Tasche da“ (da  wenig Platz zwischen den Regalen) zum Infusionsflaschenständer befördert und kam mir vor, wie in einer Folge von „M… 117“, bloß ohne Hubschrauber, aber halt mit gleichnamigem V8 vor der Tür.

Nach dem der diastolische Druck die magische Marke „107“ überschritten hatte, fing sie wieder an, selbständig zu atmen. Hätte ich auch gemacht! Erleichterung machte sich breit. Vor allem bei mir…! Ich fragte einen Sani, ob in der Infusion „Red Bull“ enthalten wäre, weil die Lebensgeister so rasch zurückkehrten, doch der entgegnete trocken „Nein, nein! Das Zeug ‚verleiht‘ doch bekanntlich ‚Flügel‘, und genau das wollten wir doch verhindern, oder?“

Wie wahr! Ich „durfte“ dann noch helfen, die Frau in engstem Raum auf das Rettungsbett zu hieven, denn ich hielt ja immer noch das Lebenelixir in der allmählich ermüdenden Hand.

Das inzwischen eingetroffene Notarzt-Team übernahm nun die weitere Behandlung. Man erklärte mir unter lobender Anerkennung meiner Erstmaßnahmen dass die dadurch gewährleistete Sauerstoffanreicherung des Blutes und der Minimalkreislauf durch die Herzmassage eine wichtige Voraussetzung dafür waren, dass die Reanimation erfolgreich war. Tja, so ging ich als „kleiner Held“ mit geklopfter Schulter und mit zitternden Knien von dannen, während mir die Verkäuferin von der Theke nachlief und rief „Hallooo …! Sie haben Ihre Wurst vergessen …!“

Tja, das wär‘ ja nun echt ärgerlich gewesen!

Und DU bist an allem „schuld“! Mit Deinem „blöden“ SL-Tick!

Hättest DU die Mail nicht geschickt, hätte ICH nicht „blau“ gemacht! Und die gute Frau säße vermutlich jetzt im weißen Hemdchen auf einer träge dahin treibenden Wolke ohne Lenkung und Motor! Das ist doch kein Leben!   😉

Sollte ich ihr jemals wieder begegnen, lade ich sie vielleicht zu einer kleinen Spritztour im 450er ein, damit sie ganz sicher sein kann, dass sich der Einsatz des Rettungsteams gelohnt hat.

Gruß, Sigi (inzwischen mit einem doppelten Whisky von der Ausfahrt desinfiziert)


(weitere E-Mail an Hans zwei Tage später)

… jetzt muss ich gleich noch eins draufsetzen, weil’s so ulkig ist:

Aufgrund Deiner Mail-Antwort zu meiner Wiederbelebungsstory fiel mir ein, dass ich noch rauskriegen wollte, ob’s die Frau nun wirklich geschafft hat und sie nicht vielleicht doch beim Transport oder danach noch einen „Kolbenklemmer“ erleiden musste. Da es bei der Herzdruckmassage zweimal verdächtig geknackst hatte, machte ich mir auch Gedanken, ob ich ihr nicht vielleicht sogar eine oder zwei Rippen angebrochen hatte …

Also rief ich grad eben ein paar große Münchner Kliniken an, ob die Frau dort registriert ist. Ich kannte ja die Daten von ihrem Ausweis, den ich dem Notarzt-Team übergeben hatte. Erst beim fünften Krankenhaus hatte ich Glück:

„Ja, die liegt auf der 1. Intensiv! Ich verbinde sie …“

Verflixt, das wollte ich ja gar nicht; die dürfen mir ja eh nix sagen. Aber egal – frag ich halt mal blöd …

„Intensiv 1 – Schwester Soundso …“

„Ja, Guten Tag, mein Name ist Heiland. Ich hätte gerne gewusst, ob die Frau G. schon über’n Berg ist und wie ihr allgemeiner Zustand ist …“

„Moment, ich verbinde Sie mit Frau Dr. Soundso …!“

Mist, denk ich; die wird mich jetzt gleich abledern und fragen, wer ich überhaupt sei und was mich das anginge; aber ist ja schon mal gut zu wissen, dass Frau G. tatsächlich bis jetzt durchgekommen ist.

Da hör ich die Schwester flüstern: „Frau Dr. Soundso, da ist ein Herr Dr. Heiland, der möchte wissen, wie es Frau G. geht …“ Ich dachte, ich hör nicht recht! Dann:

„Hier Dr. Soundso …“ (Hmmm … Dr. Heiland! Stark! So eine „Steilvorlage“ muss man doch fast ausnutzen. Also cool:)

„Ja, hallo, ich hätte gern gewusst, ob unsere Frau G. schon über den Berg ist und ob im Thoraxbereich Spuren der Reanimation erkennbar sind, wie Rippenfrakturen oder so …“ (alter Sprücheklopfer!)

„Nein, nein, es ist alles in Ordnung! Sie kämpft noch mit einer leichten Pneumonie, ist aber stabil. Wir werden Sie aber noch eine Weile auf Intensiv halten und beobachten.“

„Ah, das freut mich sehr zu hören. Haben Sie vielen Dank für die Auskunft und schönes Wochenende!“

„Danke, ebenso! Auf Wiederhören!“

Soviel zum Daten- und Patientenschutz! Aber ich denke, ich hatte mir in diesem Fall die Auskunft verdient.

Yippiieee! Die Lady hat’s gepackt! Wie schön. Hoffentlich kann sie ihr „neues“ Leben genießen!

Und ich habe einmal mehr erlebt, dass SL-Ausflüge immer aufregend sind, und manchmal ganz unerwartete Auswirkungen haben können. Ein absolut lebensbejahendes Hobby, eben!  😉

Gruß, Dr. Sigi (Ärzte fahren SL!!)